Seit dem Start im November 2002 in der Region um Berlin, hat sich DVB-T in Deutschland zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Mittlerweile können rund 90 Prozent der Bevölkerung digitales Fernsehen per Antenne empfangen, sei es mit Dachantenne oder in vielen Gebieten auch mit einer einfachen Mobilantenne. Die Umstellung auf DVB-T erfolgte schrittweise zuerst in den großen Ballungszentren, danach auch in ländlichen Gebieten. Nach der Inbetriebnahme von DVB-T ist in den jeweiligen Regionen die bisherige analoge Ausstrahlung (PAL) abgeschaltet worden. Jetzt gibt es jedoch technische Entwicklungen, die Änderungen bei den Empfangsgeräten erforderlich machen. Zum Beispiel durch die Quellencodierung "Mpeg-4" oder das modifizierte Sendeformat "DVB-T2". Was hat es mit beiden auf sich? Welche Nachteile bzw. Verbesserungen sind zu erwarten?
Doch zuerst etwas zur Quellencodierung Mpeg-4. Bei digitalen Übertragungsverfahren spielt die Signal-Kompression eine wichtige Rolle. Durch sie werden anfallende Datenmengen "eingedampft" und Unbedeutendes beseitigt und zwar so, dass bei der Rückgewinnung im Empfangsgerät annähernd (subjektiv) wieder die ursprüngliche Qualität erreicht wird. Jedenfalls arbeitet Mpeg-4 noch effizienter als das derzeit benutzte Mpeg-2. Das heißt: Die Reduktion verbessert sich um den Faktor 2 und erlaubt den Fernsehsendern entweder bei gleichbleibender Datenrate ein sichtbar besseres Bild zu liefern oder für die bisherige Bildqualität nur noch etwa die Hälfte der Datenrate respektive Übertragungsbandbreite bereitstellen zu müssen. Der zweite Aspekt bedeutet eine erhebliche Kostenersparnis beim Sendebetrieb. Leider ist Mpeg-4 nicht mit seinem Vorgänger kompatibel. Dazu unterscheiden sich beide in ihren technischen Parametern zu sehr. Das heißt: Programme, die dieses Datenreduktionsverfahren benutzen, sind nur mit neuen bzw. entsprechend ausgestatteten Empfangsgeräten zu sehen. Aber dazu später mehr.
Bevor wir zur Kanalcodierung DVB-T2 kommen, zuerst die Frage: Warum soll schon nach weniger als zehn Jahren ein Nachfolgeverfahren eingeführt werden? Die Antwort der Befürworter lautet: Der Wunsch nach besserer Video- und Audioqualität nimmt ständig zu. Er lässt sich nur durch ein neues Übertragungsverfahren erreichen. Ausgelöst wird diese Entwicklung durch die rasante Verbreitung von DVDs und den hochauflösenden Flachbildschirmen. Zum anderen werden Prozessoren immer leistungsfähiger und Speicherbausteine immer billiger. Sie ermöglichen zum Beispiel bei der Wahl "höherwertiger" Modulationsarten komplizierte Rechenoperationen, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar waren. Jedenfalls betreffen die meisten Änderungen die Sendeparameter. Sie führen zu mehr Gestaltungsmöglichkeiten der bei den in einem Multiplex zusammengefassten Programmen, einer erhöhten Empfangsrobustheit bei schwierigen Bedingungen und Störeinflüssen, beispielsweise an den Rändern des Versorgungsbereiches, aber auch zu einer merklichen Steigerung der Nutzdatenrate, also der Qualität. Der wichtigste Vorteil ist jedoch die zwischen 30 und 50 Prozent verbesserte Frequenzausnutzung. Das heißt: Statt vier Programme pro Multiplex (UHF-Kanal), können es bei DVB-T2 sechs oder gar sieben sein. Auch lassen sich künftige HD-Fernsehprogramme kostengünstiger realisieren.
Derzeit kommt DVB-T2 in Deutschland nicht zum Einsatz, obwohl in vielen Regionen, vor allem mit kommerzieller Beteiligung, die Kapazitäten schon recht knapp geworden sind. Vor diesem Hintergrund sind auch die heftigen Reaktionen um die Verwendung der oberen UHF-Kanäle (Digitale Dividende!) für die Internetbreitbandnutzung zu verstehen. Wie auch immer: DVB-T2 ist nicht als Ersatz, sondern allenfalls als Ergänzung gedacht. Vor allem gibt es einen nicht unwesentlichen Hinderungsgrund: DVB-T2 ist nicht rückwärtskompatibel. Man kann also mit einem normalen DVB-T-Empfänger keine T2-Programme sehen. Diese Möglichkeit funktioniert nur in umgekehrter Richtung. Dennoch sind die Chancen für DVB-T2 nicht schlecht. So dürfte es lediglich eine Frage der Zeit sein, wann die ersten Multinormgeräte, so wie es schon heute beim Schwesterstandard DVB-S bzw. DVB-S2, also im Satellitenbereich, der Fall ist, im Fachhandel erhältlich sind.
Vielleicht bekommt die Entwicklung von Multinormgeräten aber auch dadurch Auftrieb, dass einige private Fernsehanbieter, vor allem die Mediengruppe um RTL, planen, sich in den Regionen um Stuttgart und Halle/Leipzig beim Antennenfernsehen zu engagieren. Allerdings nicht im üblichen DVB-T-Standard, also der Quellencodierung Mpeg-2, sondern mit der neuen Version Mpeg-4. Technisch ist die Umstellung auf eine andere Quellencodierung bei Beibehaltung der "alten" Kanalcodierung durchaus möglich. Das Ganze ist zwar nur der halbe Schritt in Richtung DVB-T2, aber eben ein Anfang. Außerdem wird diese Vorgehensweise von der EG-Behörde gutgeheißen. So möchten die Brüsseler zum Beispiel, dass ab 2012 in den EG-Ländern nur noch DVB-T-Empfänger auf den Markt kommen, die auch diesen Standard beherrschen.
Doch zurück zu den Plänen von RTL. Dank Mpeg-4 sollen auf dem von der Landesmedienanstalt zugewiesenen Multiplex (UHF-Übertragungskanal) sechs Programme verbreitet werden. Vier davon kostenfrei und zwei weitere, nach einer mehrmonatlichen Testphase, als Pay-Programme. Aber jetzt kommt, nach Meinung vieler Fachleute, der berühmte Pferdefuß! Alle sechs Programme werden nach dem Conax-Verfahren grundverschlüsselt. Das heißt: Für den Empfang sind spezielle Geräte erforderlich. Sie müssen nicht nur das in den genannten Regionen verwendete "alte" Mpeg-2 beherrschen, sondern auch Mpeg-4. Außerdem ist eine integrierte Entschlüsselungselektronik und ein Kartenleser erforderlich. Der Verkaufspreis der Geräte soll laut RTL unter 100 Euro liegen. Dieser Preis beinhaltet auch eine Pauschale für Bereitstellung aller technischen Dienstleistungen (Freischaltung etc.) durch eine Tochtergesellschaft des Satellitenbetreibers Eutelsat. Der Start ist für das dritte Quartal vorgesehen. Mehr dazu ist sicher auf der IFA zu erfahren.
Jedenfalls hat das Engagement von RTL in Fachkreisen ein geteiltes Echo ausgelöst. Gelingt die Einführung, so dürften weitere Privatprogramme den Weg ins terrestrische Fernsehen suchen. Vor allem, wenn die Zuschauer auch bereit sind, für die grundverschlüsselten, aber jetzt noch kostenfreien Programme eine Gebühr zu entrichten. Über die Feischaltungsdauer der Smartcard wird wohlweislich keine Aussage gemacht. Damit ist jetzt klar zu erkennen: Die Grundverschlüsselung soll letztendlich der Gebühreneinnahme dienen. Also die Finanzierungsgrundlage des privaten Senders verbessern, da man sich wahrscheinlich dieses Geld mit der Eutelsat-Tochtergesellschaft teilen wird. Wie dem auch sei: Ein anderer Teil der Medienspezialisten ist der Meinung, dass dieses Geschäftsmodell sehr schwer durchzuhalten sein wird. Der System-Wirrwarr von Mpeg-4 bis DVB-T2, in Verbindung mit der Conax-Verschlüsselung, wird viele Kunden vom Abschluss eines Nutzungsvertrages abhalten. Außerdem ist die Reichweite zu gering und dürfte wenig Begeisterung bei der Werbewirtschaft auslösen.
Jürgen Schlomski
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